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Bevor wir uns der grundsätzlichen Fragestellung widmen, ob Accessibility (Zugänglichkeit, Erreichbarkeit → Barrierefreiheit) zwangsläufig zu einer verbesserten Usability (Benutzbarkeit → Benutzerfreundlichkeit) führt, möchten wir den Versuch unternehmen, die Begriffe Accessibility und Usability zu differenzieren. Dies scheint notwendig, da über die Abgrenzung der beiden Begriffe vielfach noch Unsicherheit herrscht.
Zwar hat sich in der Vergangenheit der Begriff Usability etablieren können - von Benutzerfreundlichkeit (eigentlich Benutzbarkeit) wird seltener gesprochen - aber die zunehmende Bedeutung des Begriffs Barrierefreiheit (Accessibility) führt immer häufiger zu einer Verwässerung der beiden Disziplinen. So entsteht teilweise der Eindruck, dass Barrierefreiheit zwangsläufig zu mehr Benutzerfreundlichkeit führt, und umgekehrt.
Dabei ist die Unterscheidung eigentlich zunächst relativ einfach: Accessibility beschreibt die "Kunst" oder Fähigkeit Informationen oder Technologie für jeden Benutzer zugänglich zu machen, unabhängig von technischen Voraussetzungen und Einschränkungen. Usability hingegen strebt nach einer idealen Strukturierung von Information, um eine effizienten Benutzung von Informationen und Technologie überhaupt erst zu ermöglichen. Alleine daraus ergibt sich eigentlich schon, dass Usability nicht automatisch zu Accessibility führt. Im Gegenteil, einige Errungenschaften der Usability-Forschung, wie zum Beispiel Dropdown-Menüs via Javascript sind in punkto Accessibility eine Katastrophe. Aber auch andere Erleichterungen der Benutzerführungen können die Barrierefreiheit beeinträchtigen. So stellen manche Farbkontraste beziehungsweise Farbkombinationen, die eigentlich der Benutzerführung dienen sollen, gerade für farbenblinde Menschen (z.B. Protanopie und Deuteranopie) eine erhebliche Barriere dar.
Auch Barrierefreiheit muss nicht zwingend zu mehr Benutzerfreundlichkeit führen, Barrierefreiheit kann teilweise einer idealen Benutzerfreundlichkeit abträglich sein. Unabhängig vom oben genannten Beispiel der Javascript-Navigation (der Verzicht auf Dropdown-Menüs kann durchaus die Benutzerfreundlichkeit beeinträchtigen), gibt es auch noch andere Fälle: so können Internetseiten, die für sehbehinderte oder blinde Menschen Alternativ-Texte für Grafiken und Bilder bereithalten, damit wenigstens Screenreader sie lesen können, zwar - in dieser Hinsicht - barrierfrei sein, doch wenn die Bilder und Grafiken keine Aussage haben, nützen die Alternativ-Texte einem blinden Menschen trotzdem nichts, ja sie behindern sogar. Ein anderes Beispiel: der Einsatz von Tastaturkürzeln kann zwar einem körperlich beeinträchtigten Menschen bei der Navigation helfen, aber wenn Links ins Leere führen, kann man nicht von Benutzerfreundlichkeit sprechen. Auf der anderen Seite können natürlich auch sämtliche Optionen, die der Barrierefreiheit dienen sollen, wie Textzoom oder Styleswitcher, die Usability für nicht Eingeweihte beeinträchtigen. Dann nämlich, wenn Sie sich aufgrund eines vielleicht allzu neugierigen Klicks plötzlich in einer für sehbehinderte Menschen optimierten blau-gelben Alternativ-Version wiederfinden und vor lauter Panik ihren Rechner neu starten (alleine schon deshalb sollten alle Zusatzfunktionen und alternativen Anzeigemöglichkeiten, die der Barrierefreiheit dienen, auf der Hilfeseite erläutert werden).
Idealerweise sollte jede Seite, sowohl zugänglich, als auch benutzerfreundlich sein. Kann man denn nicht einfach eine benutzerfreundliche Seite bauen, die automatisch barrierefrei ist? Oder anders herum, kann man nicht einfach eine barrierefreie Seite bauen, die nach höchsten Maßstäben benutzerfreundlich ist? Und wenn Barrierefreiheit nicht zwangsläufig mehr Benutzerfreundlichkeit bedeutet (und umgekehrt), welchen Weg sollte man dann gehen? Den Weg der Barrierefreiheit, oder den der Benutzerfreundlichkeit? Accessibility oder Usability?
Der Grund für die Schwierigkeiten einen klaren Trennstrich zwischen Usability und Accessibility zu ziehen liegt nicht direkt auf der Hand. Usability kümmert sich gar nicht um Accessibility. Die klassische Usability berücksichtigt nur die Menschen, die nicht in Ihren Möglichkeiten eingeschränkt sind. Insofern bedeutet Benutzerfreundlichkeit, dass nur "normalen" Menschen mit "normalem" Sehvermögen, "normaler" Intelligenz und "normalen" Körperfunktionen ein effizienter Zugriff auf Informationen und Technik möglich gemacht werden soll. Usability schließt demnach per Definition alle anderen aus, oder zumindest nicht explizit ein. Aus Sicht der Usability gibt es daher auch kein Definitionsproblem.
Das Definitionsproblem ergibt sich erst durch die fortschreitende Verbreitung der Barrierefreiheit (Accessibility). Denn ein großer Teil der Barrierefreien Informationstechnik befasst sich mit der Frage, wie man die Benutzung von Informationen und Technik einer größt möglichen Schnittmenge von Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen erleichtern kann. Sowohl unter technischen Aspekten (Browser, Betriebssystem, assistive Technologien), wie auch bezogen auf die inhaltlichen Gesichtspunkte (Verständlichkeit, Benutzerfreundlichkeit). Accessibility schließt Usability grundsätzlich mit ein. Allerdings unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Benutzerfreundlichkeit nicht nur einer einzelnen Gruppe von Menschen dienen soll, sondern im Sinne aller einen Kompromiss erreichen muss.
Auch ein solcher Kompromiss sollte Gerechtigkeit demonstrieren, was zu der Frage führt, ob eine barrierefreie Internetseite für alle Menschen gleich benutzerfreundlich sein muss. Denn wenn Menschen ohne Einschränkungen zugunsten einer Technologie, die zunächst mal nicht zu ihrem Vorteil bestimmt ist, auf Komfort verzichten müssen, so kann man von Menschen mit Einschränkungen mindestens das Gleiche erwarten. Barrierefreiheit beziehungsweise Accessibility bedeutet nicht, dass Informationen und Technologien nur für blinde, sehbehinderte, gehörlose oder anderweitig behinderte Menschen zugänglich sein sollen, sondern für alle Menschen. Und bei allem Streben nach Barrierefreiheit darf nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Internetseite ein Marketinginstrument ist, das unabhängig von Barrierefreiheit Aufgaben zu erfüllen hat. Nur wenn es gelingt barrierefreie Internetseiten intuitiv und attraktiv zu gestalten können sie ihre wirtschaftlichen Ziele erreichen und einen Return of Investment bringen.
Barrierefreiheit stellt, wenn man sich mit der Materie auskennt, heute kein großes Problem mehr dar. Die Herausforderung ergibt sich erst durch die vielen Restriktionen und Kompromisse, die beachtet werden müssen, um allen Menschen (und Ausgabemedien) gleich gerecht zu werden. Eine Internetseite für blinde Menschen zugänglich und benutzerfreundlich zu machen ist kein Problem. Eine Internetseite für blinde Menschen und sehbehinderte Menschen zugänglich zu machen schon eher. Will man dann noch hörgeschädigte, gehörlose und körperbehinderte Menschen berücksichtigen, muss man schon genau wissen was man tut. Vor allem, wenn das Ergebnis hinterher auch noch für Otto Normalverbraucher ansprechend und nachvollziehbar sein soll, was gerade in der freien Wirtschaft von grundlegender Bedeutung ist.
Da heutzutage fast bei jedem Online-Projekt Usability standardmäßig mitverkauft wird, und Usability nur zu Barrierefreiheit führt, wenn man das Pferd von hinten aufsattelt, wird es eigentlich Zeit, dass Accessibility aus dem großen Schatten der Usability heraustritt. Denn die meisten Forderungen der Usability-Forschung sind eins-zu-eins auf Accessibility übertragbar, auch wenn sie nicht immer beachtet werden. Nachfolgend und abschließend sollen 5 Fakoren genannt sein, die für Usability stehen und für mehr Barrierefreiheit sorgen:
Die Überlegungen zum Wechsel- oder gar Spannungsverhältnis von Usability und Accessibility unterstellen, dass Usability nur am Maßstab der Fitesten orientiert ist. Aus schmerzhaften Erfahrungen weiß ich es anders. Usability für alle schließt ein oder soll einschließen, auch die Gebrauchseigenschaften einer Technologie für motorisch oder sinnlich eingeschränkte Menschen zu entwickeln. Die Kriterien der Barrierefreiheit allein reichen auch hier nicht aus.
Man muss also den Begriff der Usability anders, diskriminierungsfrei fassen.
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