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Wer (be)suchet, der findet?

Heute ist Suchtag im globalen Dorf. Er beginnt in einem kleinen schwäbischen Ort. Dort besuchen mein Partner und ich einen uns zunächst unbekannten, etwa 45 Jahre alten Mann, um mit ihm eine vermeintlich barrierefreie Internetseite zu testen. Dies gestaltet sich zunächst etwas hürdenreich. Wir finden sein Haus nicht. Aber ehe wir unnötig lange über die Unzulänglichkeit ländlicher Zufahrtswege oder über die Orientierungslosigkeit von Accessibility-Entwicklern im realen Leben grübeln, verkürzen wir das: wir fragen einen Ortskundigen, der uns den Weg weist.

Der etwas andere Gutachter

Angekommen wollen wir unsere Internetseite von einem Mann, für den sie nicht zuletzt gemacht wurde, auf ihre tatsächliche Barrierefreiheit testen lassen. Robert ist seit einem Motorradunfall nicht nur Rollstuhlfahrer (einschließlich starker motorischer Behinderung der Arme), sondern er ist auch blind und vom Schicksal mit einem fast kompletten Sprachverlust bedacht. Auch erfahren wir, dass er einen eher lahmen Windows98-Rechner samt veraltetem Screenreader (JAWS 3.7), Braillezeile und -tastatur sowie ein Einkanalmodem als Zugangstechnik ins Internet benutzt. Ebenso sagt er uns, dass er sehr selten im Internet unterwegs ist, weil die meisten Angebote für ihn nicht bedienbar sind. Alles in allem also harte Bedingungen für einen Barrierefreiheits-Test. Das treibt mir durchaus den Schweiß des Zweifels auf die Stirn, ob wir Entwickler überhaupt in der Lage sind, Internetauftritte zu erstellen, die auch von Benutzern mit solchen Einschränkungen bedienbar sind.

Die erste Barriere sind wir selbst, weil wir weder mit dem Mundwerk noch mit den Händen an uns halten können, um Robert für unsere Mission "Barrierefreiheit" zu begeistern. Aber trotz seiner Sprechprobleme weist er uns in die Schranken und wir lernen, ihm nicht dazwischen zu reden. Wir sind eben alle etwas aufgeregt.

Spring ins Feld

Robert stellt sich seine Aufgabe selbst: er will uns über unser Kontaktformular eine Nachricht schicken. Eigentlich kein Wunder, bedenkt man seine Lebenssituation und fragt sich, wo den nun die wesentlichen Vorteile des Internets liegen könnten. Er geht sein Ziel an und beginnt auf der Startseite mit der Tabulator-Taste zu navigieren. Er gelangt zunächst an die Sprungmarken zu Beginn des Dokuments. Trotz ihrer Eindeutigkeit nutzt er sie zunächst nicht. Offensichtlich ist so etwas neu für ihn und er tabbt weiter. Es ist eben auch vom Benutzer – Behinderung hin oder her – auf den meisten Seiten etwas Lernaufwand gefordert. Ich bin mir sicher: Beim nächsten oder übernächsten Mal wird er die Sprungmarken gerne nutzen, falls er sie benötigt. Als nächstes kommt er auf den Kompass, innerhalb unserer Seite ein Navigationsbereich mit Orientierungshilfen. Dort bieten wir zunächst drei Links an: Tipps, Glossar und Übersicht. Hier kommt schon mal ein eigenartiges Phänomen zum tragen: Er bekommt die Linknamen gar nicht vorgelesen, sondern die Texte, die wir in das title-Attribut eingegeben haben. Offensichtlich ist sein Screenreader so eingestellt, dass er die Linknamen nicht vorliest, wenn das title-Attribut eingesetzt wird. Absicht erscheint mir unwahrscheinlich, denn ein unerfahrener Benutzer ist weder im Bilde über die Existenz des title-Attributs oder gar dessen (Un-)Sinn, noch ist er besonders geschult in der Konfiguration von Vorlesegeräten.

Nächste Station: er gelangt auf das Suchformular – zu seiner Freude. Er gibt "Kontakt" ein und löst die Suche aus. Das Formular erweist sich als gut bedienbar – zu unserer Freude.

Eine Maschine ist eine Maschine ist eine Maschine

Doch ein Blick auf seinen Monitor ernüchtert uns. Er erhält 5 Suchergebnisse, doch das Kontaktformular selbst ist nicht darunter. Meine Schweißtropfen perlen wieder. Wie kann das passieren?, frage ich mich und die Gründe schießen mir sofort in den Kopf: der eine liegt in der Redaktion. Als wortambitionierte Kreativdienstleister haben wir vermieden, das Wort "Kontakt" im Inhaltsbereich zu verwenden. Schließlich will man seine Leser nicht langweilen und bemüht sich stellenweise durch bildliche Ausdrücke wie Ihr Draht zu uns oder So können Sie uns direkt und unkompliziert erreichen. Nun spricht hier nicht unbedingt etwas dagegen, doch der zweite Grund für die Nicht-Auflistung bricht dem Wunsch das Genick. Die Suchfunktion greift in der Datenbank unseres Content Management Systems nur auf die Tabellenspalte zu, in der die Inhalte abgelegt sind, nicht aber auf jene mit den Linkbezeichnungen des Navigationsmenüs. Die Folge: Robert verliert sich in den nutzlosen Ergebnissen, so dass wir helfend eingreifen müssen. Wir gehen zurück auf die Startseite und er tabbt sich nun solange durch, bis er auf den Kontakt-Link kommt und das dazugehörige Formular vorfindet.

Nenne mir Deinen Namen und ich sage Dir, wie Du heißt

Stefan BlanzDie Formularfunktionen sind, wie erwartet, gut nutzbar, doch schon kommt ein weiterer Nackenschlag: Er kommt auf das Eingabefeld "Name" und beginnt zu zögern. Man sieht ihm förmlich an, wie er sich fragt: Name? Welcher denn? Nachname? Vorname? Vor- und Nachname? Benutzername?. Er lässt dieses Feld aus, als nächstes kommt "Vorname". Nun ist es eindeutig. Name kann nur Nachname bedeuten. Er muss zurück navigieren, um seinen Nachnamen eingeben zu können. Hier kommt seine motorische Behinderung noch mehr ins Spiel. Denn zum Zurücktabben benötigt man die gleichzeitige Kombination von zwei Tasten, die ihm sehr schwer fällt. Es dauert etwa eineinhalb bis zwei Minuten, bis er seinen Nachnamen eingegeben hat. Das Ausfüllen der restlichen Eingabefelder funktioniert gut, Robert sendet seine Botschaft und wir haben es alle trotz der Schwierigkeiten als Erfolg empfunden.

Back to the root

Wir verlassen als Gewinner von Einsichten das Dorf. Auf der Rückfahrt mache ich mir so meine Gedanken. Manche Dinge wird man als Nicht-Betroffener nie aus der puren Vorstellung entwicklen können, oder: Solche Begegnungen jenseits aller fachlichen und wissenschaftlichen Methoden sind eigentlich von unschätzbarem Wert, schwirrt mir durch den Kopf. Wieder im Büro, mache ich mir eine kleine Mind Map:

  • Die Anordnung von Navigationsmenüs und Links auf einer Website erneut hinterfragen.
  • Bei Gelegenheit mit Kollegen, Kunden und Benutzern über die Realisierbarkeit einer einheitlichen und verständlichen Wortwahl für Sprungmarken, Navigationsbereiche, Linknamen und ähnliche Elemente diskutieren.
  • title-Attribut nur einsetzen, wenn es nicht anders geht. Besser: Linknamen möglichst eindeutig benennen.
  • Suchfunktion optimieren: auch Linknamen, Seitentitel oder ähnliches abfragen, die Suchergebnisse nach Bedeutungsrelevanz hierarchisieren und eine Sortierfunktion anbieten
  • die rhetorische Gestaltung von Inhalten auch in Anbetracht der Linearität auf Eindeutigkeit überprüfen

Bezüglich Sprache kann man lernen. Wegen der Maschinen interessiert mich, ob ich Content Management Systeme finde, welche die Anforderungen obiger Einsichten (und natürlich noch mehr) erfüllen. Mit frischem Zweifelsschweiß auf der Stirn beginne ich meine Suche bei Google

05.11.04 | 12:30 Uhr | Blanz | nach oben



Kommentare

Jens Grochtdreis schrieb am 05.11.04 um 14:44 Uhr:

Ein toller Bericht. Vielen Dank. Abseits von Theorien und Möglichkeiten bekommet man anhand eines Beispiels reale Fallstricke vor Augen geführt.


andreas schrieb am 05.11.04 um 16:31 Uhr:

Vielen Dank für die Einsichten. Man stellt sich ja manchmal nicht annähernd vor, wo tatsächliche die Schwierigkeiten liegen.


Nick Blume schrieb am 05.11.04 um 16:41 Uhr:

Ein super Bericht! Auch für mich selbst als Schwerhörigen. Endlich mal ein realer und überzeugender Beitrag!


Jörg Petermann schrieb am 05.11.04 um 22:06 Uhr:

Habe den Erlebnisbericht mit Interesse gelesen und wieder einen Denk-Anstoß bekommen. Die absolute Herausforderung für mich ist nicht nur das Thema, sondern auch mit den Sinnen des Anderen wahrzunehmen. Einige Schritte machen eben keinen ganzen Weg.


painztream schrieb am 06.11.04 um 07:16 Uhr:

Hallo, vielen Dank für die vielen Hinweise! Da steht noch viel Arbeit an.
Mit einer solchen Rückmeldung macht das ganze aber gleich nochmal soviel Spaß!


Thomas Scholz schrieb am 06.11.04 um 08:14 Uhr:

Wenn ihr den Skiplink überarbeitet, macht ihn bitte auch für Sehende zugänglich. Ich hatte auf der Seite mehrmals diesen ?Fokusverlust? – offensichtlich bin ich irgendwohin gesprungen, bekam aber keinerlei Rückmeldung darüber. Das ist für jeden Tastaursurfer ein echter Graus.

Ansonsten ein netter Bericht. Zum Problem mit den Title-Attributen: Ein…
a[title] {
content:attr(title);
}

…im Diagnosestylesheet hilft, solche Hürden rechtzeitig aufzudecken.

Das Suchproblem wäre wohl nicht enstanden (oder nicht entdeckt worden), wenn die Navigation im Quelltext *vor* dem Suchformular gestanden hätte, oder? Über die passendste Anordnung muß ich auch nochmal in aller Ruhe nachdenken…


ralph schrieb am 07.11.04 um 12:54 Uhr:

Klasse, sehr aufschlussreich. Und er zeigt anschaulich, das barrierefreies Webdesign eine Wissenschaft für sich ist


Anschinsan schrieb am 07.11.04 um 17:53 Uhr:

Ein sehr guter Bericht der einige Schwierigkeiten aufzeigt und zum Nachdenken anregt.

Direktes Ergebnis: Als eigentlich nicht behinderter User möchte ich anmerken, dass ich eure kleine, kontrastarme Schrift auch nur mit Vergrößerung lesen konnte ;-)


TomIRL schrieb am 08.11.04 um 07:14 Uhr:

Der Artikel insgesamt gut und regt zum Nachdenken an.
Ein kleine Anmerkung zur Barrierfreiheit dieser Seite hier.
Dunkelgraublau auf Hellgraublauen Untergrund ist für sehbehinderte wirklich schlecht zu sehen.
Für Leute mit Farbsehstörungen so gut wie gar nicht zu erkennen.
(Selbst getestet).
Nicht alles was die gängigen Validatoren als Barrierefrei bezeichnen ist es also auch. _Nichts_ kann das sehende Auge und den mitdenkenden Entwickler vor dem Schirm also ersetzen.

Viel Grüße und viel Erfolg TomIRL


Es schrieb am 08.11.04 um 10:03 Uhr:

> Dunkelgraublau auf Hellgraublauen Untergrund ist für sehbehinderte wirklich schlecht zu sehen.

Ich benutze dreifache Browservergrößerung, um den Fliegendreck, halt, die Buchstaben entziffern zu können.


Ansgar schrieb am 08.11.04 um 10:57 Uhr:

Kurze Anmerkung zu den Kontrasten: das mag wohl im Einzelfall so sein. Für den Barrierekompass gibt es verschiedene Darstellungsoptionen: XXL-Schrift, blau-gelbe Ansicht und schwarz-graue Ansicht. Auf diese Weise kann jeder Nutzer eines grafisch orientierten Browsers die Inhalte erreichen - nichts anderes bedeutet ja Zugänglichkeit, sprich: Barrierefreiheit.

Wenn eine 3-fach Vergrößerung notwendig ist (und mit dem barrierefreien Layout der Seite auch noch funktioniert, was wir als durchaus positiv werten), dann ist vielleicht die XXL-Ansicht die geeignetere Version.

Denn eines kann auch die beste Barrierefreiheit leider noch nicht: das Ausgabemedium auf Benutzerseite richtig konfigurieren.

Trotz allem werden alle diese Eindrücke und Benutzerrückmeldungen mit Sicherheit in die nächste Version des Barrierekompass einfließen. Danke deshalb auch an alle, die regelmäßig unsere Umfrage ausfüllen.


/T schrieb am 09.11.04 um 19:33 Uhr:

Ömm, welche Umfrage?


Joerg schrieb am 10.11.04 um 09:17 Uhr:

Hallo Tomas, danke für den "Ömm" Hinweis: offensichtlich unterstellen wir manchmal, dass die Besucher des Barrierekompass, diesen ebenso gut kennen wie wir. Dass das natürlich nicht so ist, sehen wir auch an Deinem Kommentar. Das gibt uns an dieser Stelle nochmal die Gelegenheit, auf unsere Feedback-Funktion hinzuweisen, die auch gerne noch öfter genutzt werden darf. Denn der Bericht von Stefan Blanz zeigt es ja ganz deutlich, wie wichtig der direkte Dialog ist. In diesem Sinne "Ömm", hier die Umfrage:

http://www.barrierekompass....


Peter Kammerer schrieb am 07.12.04 um 07:56 Uhr:

Zweimal Glückwunsch!

Einmal für die BIENE und einmal für den gelungenen Artikel.

Verbesserungsvorschlag:
Der Schriftgrad und die zeilenhöhe sind in der Tat nicht so optimal im Zusammenhang mit den Kontrasten/Farben. Besonders im linken Navigationsbereich und besonders auch dann, wenn man unter 800er Auflösung arbeitet.

Die wichtigste Spalte, nämlich der Inhalt, kommt mir bei dem Auftritt im wahrsten Sinne des Wortes "zu kurz". 2 bis 5 Worten pro Zeile lassen das Lesen nicht zwangsläufig zur Freude werden und das Ausfüllen des noch kürzeren Formulars ist eher lästig. Hier passt oft genug nicht einmal _ein_ Wort in eine Zeile.
IMHO bietet das Layout doch in linken Bereich ausreichend Reserven.
Ja, und dem Eingabefeld des Suchformulars würde ich eine andere Hintergrundfarbe verpassen. Als Inputfeld nehme ich es nur durch den danebenliegenden Button wahr...

Genug gemeckert ;-)

Gruß peter


Ansgar schrieb am 07.12.04 um 17:46 Uhr:

Manchmal hilft es auch, die Ansichtsoptionen zu wechseln, siehe hierzu auch http://www.barrierekompass.... ... wir werden sehen, was wir in Zukunft dahingehend tun können. Übrigens: falscher Beitrag für die BIENE-Loberei, das ist http://www.barrierekompass.... für alle die es interessiert.


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