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Löchrig: Schweizer Zertifizierungs-Käse

Die Schweiz ist bekannt für Präzision. Nicht umsonst genießen Schweizer Uhren und Werkzeuge seit jeher die Wertschätzung qualitätsbewusster Menschen, Unternehmen und Institutionen. Ein schweizer Zertifikat für barrierereie Websites sollte demzufolge das Nonplusultra der Barrierefreiheit sein.

Zertifizierte barrierefreie Website

Im Rahmen des 6. Schweizer E-Government Symposiums wurde der Öffentlichkeit gestern das neue Qualitäts-Zertifikat "zertifizierte barrierefreie Website" vorgestellt. Die hierzu veröffentlichte Pressemitteilung preist die Vorzüge barrierefreier Websites und macht auch vor alltbekannten Vorteilen für unterschiedliche Zielgruppen nicht Halt. Schweizer Flage weht im WIndWeitaus weniger erfährt man über die Zertifizierung selbst. Unter anderem lernt man, dass es sich um einen mehrstufigen Zertifizierungsprozess handelt, dessen einzelne Teststufen durch behinderte Accessibility-Spezialisten durchgeführt werden. Wer mehr wissen will, muss sich durch die Website von Zugang für alle arbeiten. Dort erfährt man dann, dass die Grundlagen für die Barrierefreiheits-Tests die deutsche Übersetzung der WCAG 1.0 und der schweizerische Bundesstandard P028 sind, wobei die eigentliche Bewertung des Zertifizierungsprozesses dann beide Richtlinien bedient. Eine gute Übersicht über die Konsequenzen und Möglichkeiten der einzelnen nationalen Richtlinien gibt der PDF-Artikel "Rechtliche Rahmenbedingungen des barrierefreien Internet-Zugangs" von Werner Schweibenz, der im Rahmen des IWP-Sonderheftes "Barrierefreiheit im Internet" veröffentlicht wurde.

Zertifizierungs-Zielgruppe

Wenig überraschend ist demzufolge auch, für wen das Zertifikat gedacht ist:

Das Schweizerische Label für barrierefreie Websites richtet sich an Bund, Kantone und Gemeinden, die ihr Internetangebot von Gesetzes wegen barrierefrei anbieten müssen, sowie an private Unternehmen, die ihre Website allen zugänglich machen wollen.

Diese Zielgruppe hat auch das deutsche Zertifikats-Äquivalent von DIN CERTCO im Visier, so dass nun im Zertifizierungs-Umfeld sogar eine Konkurrenzsituation droht - sofern das deutsche Zertifikat den Weg in die Öffentlichkeit findet. Seit Mai diesen Jahres, genauer seit der Veranstaltung "Mehr Wert für @lle 2006" in Kaiserslautern mit dem Workshop "Zertifizierung von Barrierefreiheit im Internet?", ist es wieder sehr ruhig um die deutschen Zertifikats-Bestrebungen geworden. Und mitten in diese Stille platzt nun die schweizer Offensive mit einem eigenen Zertifizierungsversuch. Gerade noch rechtzeitig für den Webkongress in Erlangen, bei dem wir das Thema "Barrierefreie Websites zertifizieren - geht das?" näher beleuchten werden. Endlich müssen wir uns dann nicht mehr mit Mutmaßungen begnügen, sondern können die Schwächen der vorliegenden Zertifikate direkt angehen und zur Diskussion stellen.

Pilot-Zertifizierung: Sieben auf einen Streich

Zum Start des Zertifikats in der Schweiz wurden gleich sieben Websites mit einem Label ausgezeichnet. Anlass genug, sich diese ausgezeichneten Seiten genauer anzusehen und mit anderen ausgezeichneten Websites zu vergleichen - beispielsweise mit Gewinnern der BIENE. Zudem haben wir die Maßstäbe unseres Barriere-Check herangezogen, denn doppelt geprüft hält besser.

Das mehrstufige schweizer Testverfahren indes scheint nicht ganz ausgereift: Während bei der BIENE in der Grobprüfung bereits kräftig gesiebt wird und nicht valide Websites herausfallen, scheint Validität bei den Kollegen aus der Schweiz keinen hohen Stellenwert zu genießen, auch wenn Richtlinie 11 des Zertifizirungsprozesses etwas anderes aussagt und auch das Testverfahren, das der Zertifizierung zugrunde liegt kommt in Prüfpunkt 37 zu anderen Erkenntnissen. Nahezu alle sieben getesteten Websites konnten im Barriere-Check in Punkto Validität nicht überzeugen, allen voran die Erdgas-Website, die zum Teil mit haarsträubenden 376 Fehlern im HTML-Validator aufwartet und dennoch die Zertifikatsstufe "Zertifizierte Barrierefreie Website Qualität AA plus" aufweist. Besonderes Schmankerl: Das Label selbst ist auf der bemängelten Website ohne Alternativ-Text.

Löchriges Testverfahren

Doch auch andere Testbereiche und andere Websites konnten einer einfachen Standardprüfung nicht Stand halten. Beispiele gefällig? Die SECO-Website "Die Volkswirtschaft" hat laut schweizer Zertifikat ebenfalls die höchste Auszeichnungsstufe, ergo die ultimative Barrierefreiheit, erreicht. Dabei funktioniert die Website nicht bei deaktiviertem JavaScript und in Formularen ist die Schrift nicht vergrößerbar. Doch die Website wartet mit noch ganz anderen Features auf: Weiterführende Links, die über ein kryptisches HTML-Konstrukt in die Seite eingebunden werden (statt mit bekannten und standardkonformen Methoden), sind in Nur-Text-Browsern, PDAs oder bei abgeschalteten Stylesheets gar nicht erst sichtbar, geschweige denn zugänglich. Das sind keine kleinen Hürden mehr, das sind Steilwände in den Alpen! Kontraste, die nicht eingehalten wurden, fehlende Kenntlichmachung besuchter Links, fehlende Übersprungmarken für Navigationen oder Linklisten und nicht barrierefreie PDF-Dokumente: Alles Prüfpunkte des Testverfahrens, allesamt nicht eingehalten.

Doch auch die Erdgas-Seite glänzt mit Typo3-Quelltext der schlimmsten Art: Der Bereich "Jobs Erdgas-Branche" weist Layout-Tabellen, Code-Fehler und schlecht gemachte Formulare auf. Zudem stützt es unsere These, dass barrierefrei mit Typo3 eben doch kein Kinderspiel ist. Und es wirft überdies die Frage auf: Was wurde hier getestet bzw. wie wurde getestet, dass am Ende die höchstmögliche Bewertung herauskommt? Ähnliche Fragen haben wir in der Vergangenheit für den BIK-Test aufgeworfen, aber derartige Kapriolen sind uns dort glücklicherweise durch mehr Transparenz im Gesamtprozess erspart geblieben.

Fazit aus allen Tests

Sieben Zertifikate, von der einfachsten Stufe "Zertifizierte Barrierefreie Website Qualität A" bis zur bestmöglichen Barrierefreiheit "Zertifizierte Barrierefreie Website Qualität AA plus", wurden in der Schweiz ausgestellt. Dem Vergleich mit BIENE-Gewinnern der vergangenen Jahre sowie den strengen BIENE-Kriterien konnte keine der ausgezeichneten Websites wirklich Stand halten. Vor allem inhaltliche Schwächen, wie fehlende Sprachauszeichnungen und fehlende Auszeichnung von Abkürzungen und Akronymen, spielen hierbei eine große Rolle - den Aspekt der einfachen Sprache haben wir hierbei gänzlich außer Acht gelassen.

Die Tatsache, dass fast alle zertifizierten Websites nicht geräteunabhängig funktionierten, spricht eine deutliche Sprache in Bezug auf die Qualität des Labels und zeigt, wie sinnbefreit ein derartiges Zertifikat zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist. Wer großspurig die Vorzüge der Barrierefreiheit anpreist, sollte auch dafür Sorge tragen, dass am Ende das gewünschte Ergebnis steht. Eine Website, die in älteren Browser-Generationen (Stichwort 4er-Browser) den Zugang zu den Inhalten verbaut, ist eben nicht barrierefrei - dazu muss man kein Accessibility-Spezialist sein, sondern nur Benutzer.

Rund eintausend Euro muss man für eine Erst-Zertifizierung in der Schweiz auf den Tisch legen, vorausgesetzt man möchte keinen zusätzlichen Bericht und hat eine sehr einfache Website. Ansonsten können die Kosten auch ganz schnell auf rund dreitausend Euro für eine sehr komplexe Website ansteigen. Nicht gerade wenig, betrachtet man die Resultate aus unseren Tests. Sicherlich: Wer unbedingt ein Zertifikat möchte wird sich dadurch nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen. Wer Barrierefreiheit jedoch nicht für Checklisten sondern für Benutzer macht, sollte sich von dieser Art Zertifikat distanzieren.

Schnellschuss: Jetzt auch ein deutsches Zertifikat

Zertifikat von DIN-CERTCONoch während der Korrekturphase zu diesem Artikel flattert eine Pressemitteilung von AbI-Projekt und DIN CERTCO auf unseren Schreibtisch. Dort hat die schweizerische Zertifizierungs-Offensive offenbar schlummernde Kräfte freigesetzt und dazu geführt, dass man nun die Trägheitsschwelle überwunden hat und mit einer DIN zertifzierten Barrierefreiheit an die Öffentlichkeit geht. Das Qualitätsmerkmal lautet dann "DIN-Geprüft barrierefreie Website". Auch über die Kosten schweigt man sich nicht länger gänzlich aus: Mindestens 6000 Euro kostet demnach ein deutsches Zertifikat, wobei der Aufwand je nach Komplexität exponentiell wachsen dürfte und damit die Kosten entsprechend antreiben. Genaueres hierzu verrät die Gebührenordnung für die Zertifizierung, die von DIN CERTCO im Rahmen der Pressemitteilung ebenfalls veröffentlicht wurde.

Kostenmäßig hat man sich nicht an der Vorlage aus der Schweiz orientiert, so dass man getrost sagen kann, dass kleinere Projekte wohl nicht zur Zielgruppe der deutschen Zertifizierer gehören. DIN CERTCO nimmt mit derartigen Gebühren eine andere Zielgruppe ins Visier: Bundesbehörden, Landesbehörden und große Firmen. Das ist eine überschaubare Menge, angesichts der zu erwartenden Komplexität dürfte man in diesen Fällen aber sicherlich nicht mit dem Minimalbetrag von sechstausend Euro auskommen, sondern einem Vielfachen dieser Menge. Dafür erhält man als Gegenleistung DIN geprüfte Qualität, zumindest laut Papier.

Die eigentlichen Gewinner eines Zertifikates sind möglicherweise nicht jene, für die Barrierefreiheit ersonnen wurde. Vielleicht droht uns eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Zertifikate: Jene, die sich Zertifikate leisten können und jene, die sie eigentlich brauchen.

17.08.06 | 18:03 Uhr | Ansgar | nach oben



Kommentare

Sven Jenzer schrieb am 17.08.06 um 20:01 Uhr:

Vieles stimmt in diesem Artikel über das Schweizer Zertifikat nicht. Wie wärs wenn man erst mal kurz die Fakten ankucken würde bevor mit Tinte geworfen wird?

Siehe:
http://www.label4all.ch/de/...


Ansgar schrieb am 18.08.06 um 08:34 Uhr:

@ Sven Jenzer: Nun, ein allgemeiner Link auf die Startseite des Projektes scheint mir nicht geeignet, um "Fakten" zu schaffen. Vielleicht benennen Sie die Kritikpunkte mit Namen, damit wir diese entsprechend diskutieren können.


Erik Pöhler schrieb am 18.08.06 um 19:09 Uhr:

Zeigt eigentlich was das ganze Unterfangen für ein Schwachfug ist. Nicht die Webseiten selber brauchen solch eine Auszeichnung (Stichpunkt: Kosten für die Prüfung) sondern diejenigen die man mit der Betreuung/Erstellung einer solchen Seite beauftragt. Kann ein Webschreiber die Forderung nicht erfüllen (bzw. hat kein Barrierefrei-Stempel) dürfte man ihn nicht an die Seite lassen, wobei sich die Erfüllung der Kriterien ja oft schon mit simplen online-Tests (Validatoren) prüfen lässt. Steht barrierefrei im Vertrag und einer der Validatoren schlägt Alarm gibt eine rote Karte und damit kein Geld. So einfach wärs. (wenn sich Zugänglichkeit nur mit Validatoren prüfen ließe - andere Kriterien wie Kontraste zB. wurden ja oben auch schon erwähnt). Mir ist unklar warum man das ganze derart komplizieren muss. Wie es aussieht nutzt so ein "Bickerl" nur dem der es verleiht - für mich entsteht da der Beigeschmack der Abzocke.
Dass Sven Jenzer sich traut, sich hier zu verewigen ohne auch nur auf einen, der ja doch gravierenden Vorwürfe, einzugehen ist wirklich traurig.
bestätigt in meinen Augen aber, dass sich Barrierefreiheit zu einem Schlagwort entwickelt, dessen Bedeutung es erst noch zu vermitteln gilt - grundsätzlich habe ich aber nichts gegen die Bemühung die Thematik ins Bewußtsein zu bringen, schließlich profitiert jeder Internetnutzer direkt od. indirekt von der Forcierung von Barrierefreiheit und WebStandards, egal ob mit Handicap oder ohne. in diesem Sinne.


Sven Jenzer schrieb am 18.08.06 um 20:11 Uhr:

Präzisierung ist schwierig wenn der Autor den fraglichen Text umschreibt. Gestern stand oben zum Beispiel noch die Kosten seien 1000 Euro hoch und das war falsch, die beginnen bei 650 Euro.

Einige der obenstehend aufgeführten Mängel an zertifizierten schweizer Sites sind nicht tolerierbar, sie sind jedoch nachweisbar protokolliert und müssen nachgebessert werden, wie mir von Seiten "Access for all" mitgeteilt wurde.

Es ist eine journalistische Grundregel diejenigen um Stellungnahme zu bitten, bevor sie in den Dreck gezogen werden.

Das schweizer Zertifizierungsverfahren kennt durchaus die WCAG und auch die BIENE_Award-Kritieren. Doch da liegt auch das Problem Ihres Rundumschlags: das Ziel des einen ist es exzellente Arbeit anzuspornen, zu bewerten und zu honorieren und das Ziel des andern ist es, möglichst viele Webseiten barrierefrei im Web zu haben. Das eine ist ein Wettbewerb und das andere ist eine Qualitätsbescheinigung.

Die Schweizer legen den Finger auf "Gebrauchstauglichkeit", auf praktische Tests mit repräsentativer Infrastruktur, getestet von Menschen mit Behinderung. Auch wenn das einigen Webentwicklern in weissen Kitteln Hühnerhaut macht: Die WCAG werden nach dem Ermessen dieser Crew interpretiert und benutzt um reale Webprojekte real möglichst barrierefrei zu machen. Dies ist kein Mangel, sondern hat Konzept: Es ist zum Beispiel Bestandteil des Verfahrens dass aufgedeckte Mängel optimiert werden müssen, ein folgender Re-Test ist inklusive und das Zertifikat wird erst erteilt, wenn die Fehler behoben sind. Ziel ist ein partnerschaftlicher Optimierungsprozess, nach 1 Jahr folgt wiederum ein obligatorischer Re-Test. Es gibt andere positive Aspekte dieses Konzeptes über die es sich lohnen würde zu berichten.

Die Zertifizierungsstelle (sie hat nebenbei erwähnt bereits über 300 schweizer Websites getestet und auch so etwas wie professionelle Erfahrung) erlaubt sich, den Spielraum, die Fehlertoleranz für die Auslegung der WCAG 1.0 selber festzulegen. Dies ist im Sinne dieser Richtlinien die durchwegs als Empfehlungen formuliert sind und zum Ziel haben, Accessibility zu fördern.

Die WCAG 1.0 sind leider Interpretationssache, deshalb kann man auch wunderbar aus diesen WCAG 1.0 eine Religion machen. In diesem Sinne schreiben Sie sich mit Artikeln wie dem Obenstehenden aber etwas zu selbstsüchtig und etwas zu rücksichtslos zum Gralshüter hoch. Nur ein Beispiel: Einen Verweis in Ihrem Artikel auf die Richtlinien der Schweizer geben Sie zwar an, doch den dort angebrachten klärenden Kommentar verschweigen Sie:
«Checkpunkt 11.1 ist erfüllt, wenn W3C-Technologien verwendet werden, wenn diese verfügbar und der Aufgabe angemessen sind und wenn die neuste Version die unterstützt wird verwendet wird. Falls die Zugänglichkeit nicht beeinträchtigt wird, können auch ältere W3C-Technologien verwendet werden, wenn diese für die Aufgabe angemessen sind.»

Naja, ich denke nicht wirklich dass es sinnvoll ist, mit Ihnen über journalistische Ethik zu debattieren.

Es ist aber eindeutig so: In Deutschland ist die barrierefreie Webwerkergilde weiter und der Level von vielen deutschen barrierefreien Websites ist erquickend gut. Jede fundierte und detaillierte Kritik, die hier oder anderswo geäussert wird, schafft einen Ansporn, wenn sie nicht zu arrogant daherkommt. Die schweizer Webgilde weiss dass sie hintendrein ist, umso schlechter steht es mit den Websites in der französich-, italienisch- und rätoromanisch sprechenden Schweiz. Das Label zielt darauf, auch in diese Sprachregionen zu wirken, der Aufwand der Mehrsprachigkeit ist beachtlich.

Letztlich ist Barrierefreiheit eine Maxime, sich dieser zu nähern bedarf einer stetigen Steigerung. Ein sichtbares Label schafft einen positiven Anreiz und ist zu Begrüssen.
542 Worte,20:12,18.08.06


Ansgar schrieb am 20.08.06 um 13:01 Uhr:

@ Sven Jenzer: Unser Artikel wurde nicht geändert, ein entsprechendes Server-Log belegt dies, Auszüge hieraus können gern angefordert werden. Journalistisch mag es sein, dass man Sie zur Stellungnahme hört, aber da dies ein Weblog ist, können Sie - wie Sie es tun - frei kommentieren. Andere Leser können das ebenfalls tun. Zur Sachlage: Niemand hat etwas dagegen, dass Sie die Barrierefreiheit fördern möchten und dazu Testkriterien heranziehen. Das machen wir ja auch. Aber Sie haben sich selbst zum Zertifizierer ernannt und die Definition für Zertifikat (http://de.wikipedia.org/wiki/Zertifikat) ist in dieser Hinsicht relativ eindeutig. Sieben Websites mit massiven Barrieren sind für den Verbraucherschutz nicht geeignet. Und hier greift unsere Kritik wieder ein: Wer ist die Barrierefreiheits-Polizei? Wer nimmt das Label weg, wenn es nicht verdient ist?


Andy schrieb am 20.08.06 um 23:44 Uhr:

Naja, wer schon jeden Kommentar, jede noch so kleine Kritik mit: "wir lassen doch *BEHINDERTE* testen" kontert, hat es wohl nicht besser verdient, als "in den Dreck gezogen zu werden". Auch wenn ich diesen aufkläreneden Artikel als eben dies nicht tuend empfinde; sondern hingegen als aufklärend.

Die BIENE als Vergleich heranzuziehen finde ich allerdings etwas heuchlerisch, da auch dort in den letzten 2 Jahren einige Ungereimtheiten für Missstimmung unter Teilnehmern und Beobachtern gesorgt haben. Das ändert aber nichts an dem verlogenen Attest.

Was soll denn das Geschwafel von Webgilde ? Als ob es etwas derartiges geben würde. Eine Gilde hat einen Kodex, den es einzuhalten gilt, es ist die Elite seiner Zunft, zu der nur Zugang bekommt, wer ein Prüfung ablegt. Ist Ihnen, Herr Jenzer, eigentlich klar, worauf Sie da anspielen ?
Das einzig vernünftige, was Sie und Ihr Verein hätten machen können: Meisterausbildung - Zertifikate für die Macher.

Aber damit kann man ja nicht auf Dauer abzocken, nicht wahr? Bloß nicht Menschen dazu befähigen, damit sie ihre Arbeit richtig machen. Viel zu aufwändig, teuer zu geringer ROI, zu hoher TCO. Da langt man doch lieber in andere Taschen.

Das erschreckende daran ist aber: es gibt einen nicht unerheblichen Markt dafür! Und wo Nachfrage ist, da wird auch bedient.

Jetzt wird natürlich auf Deubel komm raus nachgebessert bei den Seiten, oder? Man muss sich bloß fragen, warum denn überhaupt geehrt wurde, wo noch gar nicht die vollständige Leistung erbracht wurde?! Aberdiese Frage ist natürlich nurtemporär,und wird sicher mit der Nachbesserung obsolet werden.


Wolfgang Wiese schrieb am 21.08.06 um 15:29 Uhr:

Nutzen und Sinn von Zertifikaten hin oder her.

Die Frage ist doch, was mit einem Zertifikat für barrierefreie Seiten bezweckt werden soll.
Wenn es darum geht, einen Nachweis für geleistete Arbeit einer Agentur zu haben - da gibt es sicherlich kostengünstigere Wege. Zum Beispiel darin, eine sinnvolle Ausschreibung zu machen, in der wesentliche Faktoren für Barrierefreie Websites als KO-Kriterien definiert werden (zum Beispiel die Validität).

Ich hab oft eher den Eindruck, daß viele Auftraggeber die "richtige" Erstellung eines ordentlichen Pflichtenheftes (und nicht etwa eines Lastenheftes) scheuen, weil sie den Aufwand und die rechtliche Notwendigkeit unterschätzen, und die Auftragnehmer sowas meiden und abmildern wollen, weil sie die Gewährleistung fürchten.
Aufgrund dieser Fehler stehen dann Unsinnige, weil weit interpretierbare Sätze wie "Die Seite soll barrierefrei sein" in einer Ausschreibung.

Ein Zertifikat wird da garnichts helfen, denn der Auftragnehmer wird sich im Zweifel einfach zurückziehen und sagen, daß die Leistung nicht als solche vertraglich definiert war.

Der eigentlich Sinn und Zweck, zu den die Zertifikate meines Erachtens eingesetzt werden, ist viel unehrenhafter: Es geht nur darum, eine Art Versicherung bzw. ein Maulkorb gegenüber etwaigen Klagen von Verbänden oder von Barrieren betroffener Bürger zu haben. Denn es wird ungleich schwerer vor Gericht gegen eine Webseite zu klagen, die Benutzern durch miese Technik Informationen vorenthält, wenn diese mit einem Zertifikat daherkommt. Denn dann müsste man vor dem Gericht erst einmal die Gültigkeit des Zertifikats als ganzes widerlegen.

Ob die Benutzer oder Verbände dann zurecht Barrieren beklagen oder nicht, ist vollkommen egal. Noch schlimmer: Sollte jemand die Qualität und die Barrieren einer Website öffentlich bemängeln, könnte ein solches Zertifikat dazu eingesetzt werden um die betreffende Person über eine anwaltliche Abmahnung juristisch Mundtod zu machen.

Es kommt übrigens auch nicht darauf an, daß die Betreiber oder Erfinder des Zertifikats nur gute Absichten hatten. Es kommt drauf an, was die Halter der Zertifikate draus machen werden. Und da sehe ich obigen Missbrauch auf uns zukommen.


Sven Jenzer schrieb am 23.08.06 um 20:37 Uhr:

Zum Nutzen von Zertifikaten - in Bezug auf Wolfgang Wiese - möchte ich antworten:

1) In den Grundzügen muss ich beipflichten; die Auftraggeber scheuen sich genaue Pflichtenhefte zu erstellen. Der Stellenwert der Thematik ist nicht zu oberst, die Anbieter nutzen natürlich schwammig definierte Anforderungen aus.

1b) Ignoranz der Stakeholder. Noch immer erhalten Usability und insbesondere Accessibility in den meisten Anforderungsanalysen von Websites und Webapplikationen nicht den gebührenden Stellenwert. Dies hat eindeutig mit der oft sehr diffusen Definition der Anforderungen und der schwierigen Messbarkeit derselben zu tun.

2) Selbst wenn Accessibility nach WCAG 1.0 im Pflichtenheft drinstand und selbst wenn eine anerkannte Stelle, z.B. Access for all die Seiten getestet hatte und eine Mängelliste abgab, wurden diese oft nur teilweise nachgebessert. Ich könnte Beispiele von unzugänglichen Websites anführen, die sich damit brüsten von Access for all auf Zugänglichkeit getestet worden zu sein.

3) Das Problem des heuchlerischen Umgangs mit unbequemen Anforderungen scheint also kein alleiniges der Zertifikate zu sein, sondern ein Generelles. Und Fachstellen wie "access for all - Stiftung für behindertengerechte Technologienutzung" müssen sich sehr ernsthaft damit auseinandersetzen.

4) Wie schaffen Sie einen Mechanismus - als Aussenstehender (mit guten Absichten) - nichterfüllte Anforderungen zu Sanktionieren?

5) Früher oder später gelangen auch Sie zur Zertifizierungsidee. Schauen Sie den Vertrag und die AGBs an, da wurde eine verbindliche Abmachung mit Entzugsmöglichkeit eingeführt, sowieso ist jede Zertifizierung erstmal nur für 24 Monate gültig, danach ist ein Re-Test obligatorisch:
http://www.label4all.ch/de/...

6) Nun kommt früher oder später die Frage wer kann es sich leisten, die eigenen Kunden (Zertifikatsnehmer) zu sanktionieren? Access for all ist eine Stiftung mit bescheinigter nicht-profitorienter Geschäftsführung. Die Angestellten von AfA werden gleichviel verdienen ob sie das Label verteilen oder nicht. Das ist wichtig.

7) Als Versicherung gegen Klagen kann ein solches Label vielleicht ein Stück weit schützen, doch darum geht es nicht. Dieses Feld überlassen wir der worst-case-fraktion (Klagen brachten bis dato sowieso sehr wenig, wie das Beispiel USA zeigt). Ihr Umkehrbeispiel mit Abmahnung (so à la WinExplorer?) ist vielleicht in Deutschland denkbar, wobei ich auch das arg bezweifle, denn die Klagemöglichkeit der Behindertenorganisationen ist gesetzlich sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz ausdrücklich verankert. Diese Abmahnungsidee erscheint mir genau betrachtet als ein weiterer Versuch der emotionalen Angstmache gegen etwas Neues. Schade.

Es geht doch vielmehr darum eine Qualitätsdiskussion auszudehnen (über solche Insiderforen hinaus) und diesen Level für das Label stetig zu erhöhen. Aber ganz klar im Sinne der User nicht im Sinne der Code-Fetischisten.

Natürlich stehen sie als Zertifikatsstelle erstmal im Wind. Das ist verständlich. Die Erfahrung der letzten 18 Monate - seit der Lancierung der Zertifikatsidee - zeigt eine sehr entgegenkommende Zusammenarbeit mit Projektleitern und direkt mit Web-Entwicklern. Diese Erfahrungen möchte Access for All keinesfalls als heuchlerisch oder sonstwie billig abtun. Das hat alle Beteiligten weiter gebracht als wir je gedacht hätten. Wir werden damit weitermachen!


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