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Frustrationsobjekt Barrierefreiheit?

Ein Vortrag beim A-Tag'09 und die hierauf folgenden Diskussionen in Weblogs und via Twitter haben einen der bekanntesten und kreativsten Fürsprecher für Barrierefreiheit derart frustriert, dass er die Brocken hinwerfen möchte.

Christian Heilmann hat genug von der deutschen Barrierefreiheit. Die Frage nach dem Warum ist nicht so leicht zu beantworten, dazu muss man zunächst einmal den Vortrag und die entsprechenden Blogbeiträge samt Kommentaren hierzu lesen:

Dazu kommen noch einige Twitter-Scharmützel und sicherlich auch ein paar Missverständnisse. Das Ergebnis aber bleibt gleich: Eine weitere Gallionsfigur wendet sich von der deutschen Barrierefreiheitsszene ab und anderen Dingen zu. Wenn wir in dem Tempo weitermachen, brauchen wir uns um Barrierefreiheit bald keine Zukunftsgedanken mehr zu machen, denn dann wird kaum ein kreativer Kopf mehr bereit sein, in eine barrierefreie Zukunft zu investieren.
Nur jene, die schon immer das getan haben, was gestern ein probates Mittel war, heute schon Standard ist und morgen einfach nur veraltet.

Griff an die eigene Nase

Anfangen muss man aber immer vor der eigenen Tür. Was tut man selbst für die Barrierefreiheit der Zukunft? Welche Herausforderungen geht man an? Welche Hindernisse beseitigt man selbst durch kreative Lösungen – auch wenn sie nicht perfekt sind? Ist man bereit, jeden Tag dazuzulernen und den Austausch mit anderen zu suchen? Wie geht man mit Meinungen anderer um? Natürlich ist es leicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und zu meckern. Das können wir hier in Deutschland ganz besonders gut. Gerne zeigen wir dann auch auf jene, die bereits etwas getan haben und kritisieren dann die fehlenden 5%, anstatt uns jenen zuzuwenden, die komplett neben der Spur laufen und dort Verbesserungen zu suchen.

Einige Zeit haben wir uns mit dem Barrierekompass auch an der Elfenbeinturm-Diskussion um die Barrierefreiheit beteiligt, dabei mit Sicherheit auf den ein oder anderen Fuß getreten und doch wollten wir immer nur eines: Barrierefreiheit auf breiter Front durchsetzen. Während die Prinzipien für barrierefreies Webdesign nahezu unveränderlich sind, gibt es für den Weg, der zum Ziel führt, unterschiedliche Techniken. Erinnern Sie sich noch an Jan Boklev? Er revolutionierte das Skispringen mit der V-Technik, wurde dafür verspottet und stand nie ganz vorne. Heute muss man den V-Stil springen, um vorne dabei zu sein – faktisch gibt es keinen anderen Stil mehr. Das Regelwerk wurde geändert, alle Top-Springer mussten umlernen und wer es nicht schaffte, war weg vom Fenster. Der Wandel ist unser einziger Verbündeter im Kampf gegen Zeit und Problemstellungen, wir müssen ihn hereinbitten und manchmal auch etwas Geduld mitbringen.

Diskussionen müssen sein

Und dennoch: Fachliche Auseinandersetzungen müssen sein, auch in der Öffentlichkeit. Es ist für jeden von uns unangenehm, etwas vermeintlich Negatives zu lesen und für Personen, die im Rampenlicht stehen ist es sicherlich doppelt schwer. Denn meist sind es Menschen, die leidenschaftlich für bestimmte Ideale kämpfen und große Teile ihrer Freizeit opfern. Sicherlich muss man dann auch etwas mehr aushalten als andere, darf aber im Gegenzug auch den nötigen Respekt erwarten. An Respekt fehlt es zuweilen, wenn Diskussionen länger laufen. Meist liegt es daran, dass Argumente mit Emotionen vermischt werden und am Ende steht dann ein großer Knall. Ich kann über die Diskussionskultur im englischsprachigen Raum keine detaillierten Aussagen treffen, aber ich weiß aus Foren und Newsgroups, dass dort mehr Begeisterung für Lösungsansätze besteht – auch dann, wenn sie abseits bekannter Konventionen laufen. Oder gerade dann. Möglicherweise auch so ein Punkt, den man bedenken sollte.

Bleiben wir also kurz bei der Sache: Es geht um Barrierefreiheit. Die eine Seite vertraut auf bewährte Mittel, setzt auf den Gesetzgeber und vertraut auf die Erkenntnisse aus dem langen Marsch durch die Institutionen. Die andere Seite erkennt einzelne Probleme und sucht nach pragmatischen Lösungen, findet sie und möchte andere mit dem gleichen positiven Virus infizieren. Beide Seiten haben Erfolg. Beide Seiten haben Recht. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die auf gesetzlicher Basis die Grundlagen für ein gleichberechtigtes Miteinander schaffen. Mindestens genauso wichtig sind aber jene Menschen, die täglich daran arbeiten, jene Hürden abzubauen, die der Gesetzgeber stehen gelassen hat. Denn bis das Gesetz dort angekommen ist, hat sich das Web schon dreimal neu erfunden. Aus Web 2.0 wird gerade Web² und neben all diesen schönen Mitmach-Web-Dingen gibt es mit HTML5 und CSS3 auch neue Spielwiesen für Entwickler. Dazu JavaScript, AJAX und viele andere bunte Spielereien. Oder um es konkreter zu sagen: Wer sorgt dafür, dass YouTube zugänglicher wird? Der Gesetzgeber? Langfristig vielleicht, aber schon jetzt und hier ist es möglich, Menschen dabei zu helfen, Barrieren zu überwinden. Kreative Entwickler, wie Christian Heilmann, leisten einen immens wichtigen Beitrag zur Überwindung von Barrieren. Und sie teilen sie mit uns – im Web oder auf Veranstaltungen. Das ist wichtig für uns alle!

Weiter, weiter – immer weiter

Das Lebensmotto von Oliver Kahn passt vielleicht auch gut zur Barrierefreiheit: Weiter, weiter – immer weiter.. Es gibt ständig neue Hürden, die überwunden werden wollen. Jene in den Köpfen der Menschen und jene, die den Köpfen der Menschen bereits entsprungen sind. Daran müssen wir alle mitarbeiten: Mit Diskussionen, Vorträgen, engagierten Beiträgen, Webseiten, Gesetzesinitiativen, etc. – solange man etwas tut, kann man gar nicht wirklich etwas falsch machen. Nur wer untätig ist, macht wirklich einen Fehler.

Lesenswert im Zusammenhang mit der Diskussion um den Vortrag und dessen Intention ist zudem der Artikel von Sylvia Egger mit dem bezeichnenden Titel Barrierefreiheit von unten: ein Schlichtungsversuch. Entsprechend gebührt ihr auch das letzte Wort:

Das was die Arbeit und Herangehensweise von Heilmann für mich – und ich denke für viele andere auch – so spannend macht, ist, dass er barrierefreie Arbeit von unten macht. Das ist eine anarchische Perspektive und geht durchaus bewusst konform mit Ansätzen der Social Accessibility wie Open Source Screenreader, Firefox-Plugins wie Webvisum und ähnlichen Versuchen, das Web jetzt und für viele zugänglich zu machen. Anarchismus lebt ja gerade von einem Jetzt und einer gewissen Portion Utopie.

Barrierefreiheit muss kein Frustrationsobjekt sein, das zeigen Menschen, wie Christian Heilmann. Sie machen Entwicklern Mut, wecken Begeisterung bei Kunden und zeigen, dass es neben der gesetzlichen Komponente für jeden von uns eine Möglichkeit zur Teilhabe am Prozess der Barrierefreiheit gibt: Die Barrierefreiheit von unten. Jene, die man selbst mitgestalten kann.

27.10.09 | 10:11 Uhr | Ansgar | nach oben



Kommentare

Wolfgang Wiese schrieb am 27.10.09 um 16:32 Uhr:

Das Problem an der Diskussion ist doch, das beide Seiten aus Ihrer Sicht vollkommen und uneingeschränkt Recht haben!

Ja, Entwickler brauchen Freiheit um kreative und innovative Lösungen zu machen, die dann selbstverständlich auch Barrierefrei sind!

Aber auch:
Ja, es gibt immer noch viel zu viele unseriöse IT-Agenturen, die nur durch Druck von Gesetzen oder Verordnungen etwas dazu neigen, die Barrierefreiheit ernster zu nehmen und denen man nur durch konkrete Richtlinien wie der WCAG2 nachweisen muss, wenn die falsche Dinge versprechen.

Christian hat Mut machen wollen und wollte die Chancen und die Aufbruchstimmung vermitteln, die möglich ist. Das ist voll richtig und wichtig.
Aber für die gefühlte Mehrheit der Leute lebt er damit in einer Idealwelt und stößt gerade die Leute, die negative Erfahrungen sammeln mussten vor den Kopf: Denn die sehen mit Christian wie schön es mit einer guten Firma mit einem tollen Entwickler hätte sein können!
Dann aber schauen die Leute auf die Probleme ihrer eigenen Realität, wo "zu Hause" irgendeine Pfuschfirma denen etwas eingebrockt hat. Das steigert dann die Frust.

Das ist quasi so, als ob ein Delikatessen-Koch in einem von Hunger und Düre geplagten Gebiet rumläuft und den Leuten dort etwas von Trüffel erzählt!

Es ist gut, daß hieraus eine Diskussion erwächst.

Aber schade finde ich, daß er sich dadruch angegriffen fühlt.


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